Klaus Nüchtern über Kurt Ostbahn und seinen ersten Kriminalroman "Blutrausch".

Klaus Nüchtern

Wien darf nicht Chicago werden. Keine Gefahr. Und Fünfhaus ist nicht die Bronx. Eh ned. Dann schon eher New Orleans. Wie das? Nun, den unsachgemäß, wenn auch nicht ohne handwerkliches Geschick mit einem einzigen langen, langen Schnitt geöffneten Menschen, die dort aufgefunden werden, fehlt nicht nur das Blut, sondern auch jenes Organ, das dieses zu Lebzeiten durch die Adern pumpt. Mit Voodoo-Praktiken und Ritualmorden aus eigener Anschauung weniger vertraut, fällt dem Finder der Leiche Nummer eins, dem gerade urlaubenden Dr. Kurt Ostbahn, zunächst einmal das Abendessen vom Vortag aus dem Gesicht: viel Fernet und Bier sowie, als einzig ehedem fester Nahrungsbestandteil, ein Puten-Cordon-bleu.
Was grauslich beginnt, geht grauslich weiter und steigert sich bis zu einem Finale, das in seiner ganzen blut-, sperma- und scheißestarrenden Grauslichkeit der Ouvertüre mehr als würdig ist. Diesmal ist Elfi Tomschik am Speiben. Das kann auch die abgebrühte Domina "Donna" nicht verhindern, als die Elfi in der Sex-Metal-Band ,,Mom and Dead" auftritt. Bis es allerdings soweit ist, fließt noch der ein oder andere Liter Blut, rinnt noch das ein oder andere Krügel durch die stets durstige Kehle des Ich-Erzählers. Der hat aber auch allen Grund, Halt zu suchen an der Schulter von Bruder Alkohol: Als Verdächtigter, potentielles Opfer und Teilzeitdetektiv in Personalunion reißt es ihn ganz schön rum. Von Marlene einmal ganz abgesehen. Die macht im Cafe Rallye in der Sechshauser Straße eine dermaßen ungewöhnliche und ungewöhnlich gute Figur, daß dem Herrn Ostbahn die überstrapazierten Sinne schwinden, was die drastische Reduktion des ihm zu Gebote stehenden Wortschatzes zur Folge hat, sobald "die Sensation ihre sensationellen Beine übereinanderschlägt oder ihr sensationell hinreißendes Lachen hören läßt". Von der Liebe und vom Leben gebeutelte Junggesellen - so haben die Protagonisten der hard boiled novels nun einmal zu sein. Kurt Ostbahn und sein Texter/Trainer Günter Brödl, der - so will es der Untertitel - den Kriminalroman "aufgezeichnet" hat, wissen, was sie dem Genre schuldig sind, und machen keine Anstalten, sich selbstherrlich über dieses hinwegzusetzen. Auch die Wiener Regionalvariante von Philip Marlowe wird durch das Karussell von Verbrechen, Frauen, Alkohol und starkem Kaffee auf Trab gehalten. Und auch hier wird die romantische Larmoyanz des einsamen Mannes, der nie zu Hause sein darf, weil sich das für Cowboys und deren urbane Nachfolger eben nicht gehört, durch ein gerüttelt Maß an Selbstironie gemildert. Der selbsternannte Erfinder des Favorit 'n' Blues lebt jedenfalls im Dauerimprovisorium eines zur Wohnung umfunktionierten Miniatur-Depots - mit Willie- Nelson-Kassette, aber ohne Badewanne: "Whiskey River don't run dry". Freilich wird mittlerweile auch zwischen Fünfhaus und Simmering mit internationaler Härte gespielt - wie das im Fußballreporterdeutsch so heißt. Nur: Wien ist anders. Es ist nicht die Heimat dämonisch-genialer Verbrecher wie Hannibal "the Cannibal" Lecter, und selbst wenn sie ähnlich ungustig vorgehen, sind sie doch immer auch arme Deppen, ausgerastete Waserln. Die wirklich kalten Profi-Killer, die werden aus Deutschland importiert. Und wenn sich die sadomasochistische Satanisten-Szene der Astaroth Appreciation Society von Kalifornien an die Wiener Peripherie begibt, dann kann das nur unter dem Verlust an Glamour zugunsten einer etwas melancholisch stimmenden Schundigkeit vor sich gehen: "Denn natürlich ist Wien nicht L. A. , und dementsprechend spektakulär gestaltet sich der Einzug der AAS-Gemeinde. Sie besteht in erster Linie aus alleinstehenden Herren undefinierbaren Alters, die aus gegebenem Anlaß zur grauen Trevirahose das schwarzlederne Hundehalsband angelegt haben. Mit hungrigen Augen halten sie Ausschau nach der Herrin ihrer feuchten Träume und kriegen, abgesehen von Donna, nicht viel geboten. " Schon immer hat die Oszillation zwischen Realität und ironischer Selbstmystifikation das Phänomen des Dr. Kurt Ostbahn ausgemacht. Es ist dem Buch zugute zu halten, daß es über weite Strecken der Versuchung entgeht, mit Insider-Informationen und Fan-Perspektive zu liebäugeln. Freilich, die ein oder andere kokette Bemerkung kann sich der Ich-Erzähler nicht verkneifen. Wenigstens aber erspart er uns den Hinweis darauf, daß ihn der Weg in die Country-Abteilung des Megastores am eigenen Konterfei vorbeiführt. Und "Blutrausch" hält genug an Spannung, witzigen Dialogen und schrulligen Typen - jeder Wiener ein Original, jeder Beisl-Wirt ein Übervater! - bereit, um auch Leser wie mich bei der Stange zu halten, denen es herzlich egal ist, ob der Herr Ostbahn im Fünfzehnten oder Achtzehnten wohnt, ob er Jahrzehnte an der Seite seiner Lebensgefährtin verbringt oder es mit Rechtsanwaltsgattinnen treibt, die Tamara heißen, ob im Doppler auf der Bühne tatsächlich Wein oder doch nur Wasser drin ist.

Wahrscheinlich werde ich nächsten Herbst zu den Lesern des bereits jetzt angekündigten Folgeromans "Hitzschlag" gehören. Eine Willie-Nelson-CD habe ich mir jedenfalls schon besorgt.

Klaus Nüchtern ist Kulturredakteur der Zeitschrift "Falter".


Wenn ein Rockstar zuviel grübelt

Kurt Ostbahn: Blutrausch. Kriminalroman.
Aufgezeichnet von Günter Brödl. Haymon-Verlag, 223 Seiten, 29 DM.


"Ich deponiere das Puten-Cordon-bleu, mit dem ich mich am frühen Abend verwöhnt habe und das so mancher Fernet und Weinbrand in den Stunden danach zu einer dunkelbraunen Sauce verarbeitet haben, auf der nächstbesten Kühlerhaube. Dann werfe ich noch einen Blick auf auf das blutige Bündel, das von Wickerl, der Krätzen, übrig geblieben ist und wünsche mich ganz weit weg. Stammersdorf, Nairobi, Sioux City. Oder auf Tournee, wo einem sowas nicht passiert."

Normalerweise verbringt der Wiener Rock-and-Roll-Musikant Kurt Ostbahn tourneefreie Zeiten auf seiner Bettbank und sinniert über die Tücken des Lebens. Wäre er diesem Grundsatz treu und dem legendären Café Rallye fern geblieben, wäre das Puten-Cordon-bleu sicher nicht jählings von seinem gemütlichen Weg in die Darmregionen zurück ins ungeschützte Leben geschleudert worden. Doch es gibt Anblicke, bei denen selbst hartgesottene Rock 'n Roller ganz explosiv den Blues schieben.

Schon lebendig war das Opfer, der Rockmusiker Wickerl, ziemlich unappetitlich. Ein vermeintlich kaputtes Radio, aus dem plötzlich "Ace of Spades" von den Motörhead ertönte, als der Wickerl es seiner Mutter über den Schädel zog, um sie um das Geld zu erleichtern, daß sie für ihre Beerdigung angespart hatte, ließ ihn völlig durchknallen. Er glaubte, den erleuchteten Pfad gefunden zu haben und wollte auf einer Harley in die Staaten, "um den Guns 'n' Roses den Arsch aufzureißen".

Weder tot noch lebendig wollte Kurt Ostbahn in einem Atemzug mit dem Wickerl genannt werden. Doch da er im Café Rallye nach den Ermittlungen der Kieberei als letzter lebend und als erster tot gesehen hattte, liegt es nun an ihm und dem "Trainer", dazwischen noch irgendwie ein freies Plätzchen für den wahren Mörder zu finden.

Der Trainer ist durch seine jahrelange Tätigkeit als musikalischer Betreuer, Seelenmasseur und Rock-and-Roll-Nachschlagewerk auf Beinen zur unumstrittenen CHEFPARTIE der Kultband OSTBAHN KURTI avanciert. Aber auch in puncto Mord und Totschlag ist er im Team mit dem Privatgelehrten und Misanthropen Doktor Trash neidlos anerkannte Koryphäe der Wiener Rock-Scene. Während Trainer und Dr. Trash Kopf und Computer einsetzen, wirft sich Altrocker Kurti bedenkenlos in das mörderisches Getümmel. Schlächter im Blutrausch, Sado-Maso-Parties mit Teufelsanbetern und ein Rendezvous mit der ungekrönten Wiener Sex-Metal Queen schütteln ihn durch wie ein Gitarren-Riff mit astronomischen Phonzahlen. Zuviel für einen einfachen Rocksong. Diese Erlebnisse fordern einen Roman. Kurti diktiert und der Trainer alias Günter Brödl schreibt es nieder.

Blutrausch beweist, daß nicht nur in den Staaten Rockmusiker ihren Sound verlustfrei von der Bühne zwischen zwei Buchdeckel verfrachten können. Was den Amis Kinky Friedman, ist den Wienern der Ostbahn Kurti: Dichte Atmosphäre, geiler Sound und ein gutdurchdachter Plot. Blutrausch ist ein Buch fürs Ohr, das man beim Lesen kongenial mit Espresso Rosi von OSTBAHN KURTI & DIE CHEFPARTIE (Polygram) und einem guten Sampler von Willie Nelson (vielleicht einer Live-Aufnahme von 1978) stimulieren sollte.

PS: Hier geht es zu Kurtis Song-Texten

Copyright by Jürgen Reuss, Regionaler OnLinedienst Freiburg 1996

 

ROLF

14.05.1996


Xgmail.gif (853 Byte)
e-mail

home1.gif (2822 Byte)

[ KURT OSTBAHN / WILLI RESETARITS / GÜNTER BRÖDL / SCHMETTERLINGE / WELTORCHESTER ]
[ Platten / Konzerte / Songtexte / Mitmusiker / Gschichtln / Credits / Links ]